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Das große Bild

Von Krisen und Chancen: Griechenland und Europa müssen den nächsten Schritt gehen

" Die Chance für den Umbau in Griechenland war nie größer. "

Herr Wöhrmann, wir müssen erneut über Griechenland reden. Zwar ist dessen Einfluss auf die Welt- und selbst die europäische Wirtschaft überschaubar. Dennoch hat es selbst die Börsen in den USA und Asien tangiert. Die Aufmerksamkeit rührt unter anderem daher, dass die Funktionsfähigkeit von Währungsräumen ein globales Thema ist. Was halten Sie vom Brüsseler Kompromiss?

Unter den gegebenen Umständen halte ich ihn für eine gute politische Lösung. Politik ist die Kunst des Machbaren, nicht immer die Umsetzung des ökonomischen Optimums. Allerdings sprechen wir hier von einem fragilen, langwierigen Prozess. So langsam, wie Griechenland in Richtung „Grexit“ rutschte, so langsam entfernt es sich nun wieder von ihm. Griechenland muss permanent liefern, jede weitere Hilfe erfolgt nur Zug um Zug. Hier sehe ich aber auch eine Chance für die griechische Regierung. Dieser Zugzwang sowie das nun auch in höchsten offiziellen EU-Kreisen eingeführte Wort „Grexit“ kann ihr als Schutzschild vor innenpolitischen Attacken dienen. Nun kann, nun muss sie endlich Innenpolitik gestalten. Rückschritte und selbst Stillstand sind keine Option mehr. Die Chance für den Umbau in Griechenland war nie größer.

Ob die Griechen diesen Optimismus teilen?

Für die Nutzung seiner Chance braucht Griechenland einen überparteilichen, gesellschaftlichen und außenpolitischen Konsens. Denn die Kapitalverkehrskontrollen und auch die nachfragereduzierenden Elemente des Rettungspakets bremsen die Wirtschaft zunächst deutlich, was politischen Sprengstoff birgt.

Der dann doch noch zum „Grexit“ führen könnte?

Dem Thema „Grexit“ sollte man sich undogmatisch nähern. Es gibt positive Beispiele für Währungsauflösungen (Sowjetunion) und für wirtschaftliche Genesungen dank Abwertung (etwa Island). Aber der Euro-Austritt wäre der Weg mit den meisten Unbekannten und die Übergangsphase würde erneut die Wirtschaft lähmen. Gegen den Willen der Griechen käme er ohnehin nicht zustande. Wenn selbst der Tourismussektor, als einer der Hauptprofiteure einer Abwertung, die Drachme ablehnt, spricht das Bände. Ohnehin fehlt Griechenland die breite Exportbasis, um von einer Abwertung wirklich zu profitieren.

Ein „Grexit“ und der Brüsseler Kompromiss werden von Großbritannien und den USA sehr kritisch gesehen.

Erstaunlich, nicht wahr? Griechenlands Eurobeitritt wurde stets als größter Makel bezeichnet und nun soll von einem „Grexit“ die größte Gefahr ausgehen. Dass diese beiden Länder sich mehr Entgegenkommen für Griechenland wünschen, erstaunt mich weniger. Sie partizipieren ohnehin finanziell kaum an der Rettung und wirtschaften zudem ebenfalls seit Jahren mit Leistungsbilanzdefiziten.

Belegen Griechenlands Wirtschaftszahlen das Scheitern der bisherigen Programme?

Die griechische Wirtschaft gleicht seit Jahren einem sinkenden Schiff mit vielen Löchern: mangelnde Wettbewerbsfähigkeit, ineffiziente Bürokratie, Klientelismus, Kapitalflucht, „Braindrain“. Das Schiff hielt sich schon länger nicht mehr alleine über Wasser, 2010 drohte es gänzlich zu sinken. Hilfe kam in Form der „Troika“, die an Bord kam. Vielleicht hat sie einige Löcher in der falschen Reihenfolge gestopft, manche gar nicht. Aber das weitere Sinken war schlicht der Vielzahl der Löcher geschuldet. Immerhin sank es bald langsamer und 2014 gab es sogar wieder Auftrieb – Griechenland erzielte einen Primär- und Leistungsbilanzüberschuss, auch wenn man diese Zahlen mit Vorsicht genießen sollte. Trotz einer verhaltenen Umsetzung der Reformen – das Momentum war da. Daran sollten sich die Griechen erinnern, wenn sie jetzt zunächst eine ungemütliche Zeit vor sich haben.

Welche Auswirkung hat der Kompromiss auf den Wert des Euro?

Im Vergleich zu was? Dem Euro einer perfekten Währungsunion? Dem Euro nach einem „Grexit“? Ein Wechselkurs ist dynamisch und nie monokausal. Sollten die Fliehkräfte der Eurozone nun zunehmen und sich der Eindruck verstärken, dass letztlich doch die Notenbank die Staatsschulden finanziert, wird sich das graduell in schwächeren Euro- und Staatsanleihekursen niederschlagen.

Braucht Athen den Schuldenschnitt?

Der kurz- und mittelfristige Schuldendienst ist das kleinste Problem Griechenlands. Darüber zu diskutieren ist Zeitverschwendung. Jetzt geht es darum, das Land strukturell schnellstmöglich auf die Beine zu stellen, damit es sowohl für in- als auch ausländische Investoren attraktiv wird. Ohne ausländische Direktinvestitionen hat das Land keine Zukunft, unabhängig von der Schuldenhöhe.

Wie ist der Euro-Frust zu stoppen?

Es bleibt dabei, Europa muss sich weiterentwickeln, sein Versprechen an die Bürger ausweiten und Institutionen und Führungspersönlichkeiten präsentieren, die die Begeisterung für Europa wieder entfachen. Die Begriffe Eigenverantwortung, Solidarität und Subsidiarität müssen in Europa wieder klar definiert und gelebt werden, damit das Volk an die Vision glaubt. Auf diesen Säulen kann dann auch die Fiskalunion errichtet werden. Aber keine, die auf eine simple Transferunion hinausläuft. Transfers, etwa in Form der Strukturfonds, sind ja seit Jahrzehnten fester Bestandteil der Europapolitik. Aber so ein Mechanismus hat seine Tücken. Die gewollte wirtschaftliche Konvergenz stellt sich regelmäßig nicht ein, wenn der institutionelle Rahmen fehlerhaft ist. Aus Anschub wird schnell Abhängigkeit und Trägheit. Für die wirtschaftliche und politische Zukunft Europas ist es wichtig, dass hier die Anreizsysteme und Kontroll- und Sanktionsmechanismen optimiert werden und der Bürger seinen Glauben an die Verbindlichkeit von Regeln behält. Leider wurden die Europäer ausgerechnet von Deutschland und Frankreich in diesem Glauben enttäuscht, als diese Länder bereits 2002 die Maastricht-Kriterien rissen.

Asoka Wöhrmann

Zwang als Chance

  • Einmal mehr stand auch der Juli im Zeichen unvorhersehbarer Volten in der griechischen Tragödie. Das Volk bekam ein härteres Reformpaket serviert, als es im Referendum noch abgelehnt hatte, und wie reagiert es? Es akzeptiert das Paket und unterstützt Ministerpräsident Alexis Tsipras mehr denn je. Dieser hat damit mehr Chancen als all seine Vorgänger, sein Land zu reformieren. Auch dank des Drucks, dem er nun von Europa ausgesetzt ist.

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